WEL in Südindien
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Das Projekt ermöglicht Dalitfrauen und zwar in erster Linie, Witwen und verstoßenen Frauen, eine Ausbildung zur Seidenweberin. Durch ihre anschließende Berufstätigkeit können sie den Lebensunterhalt ihrer Familien sichern. Ein weiteres Projektziel ist, ihre Selbstachtung und ihre Selbstständigkeit zu stärken. In Sangams (Frauengruppen), in denen die Frauen bereits eingebunden sind, werden sie in Geldfragen beraten und zur Sparsamkeit angeleitet. Außerdem wird die Schulbildung ihrer Kinder sichergestellt. Das Seidenweben stellt die Haupteinnahmequelle der High Caste in und um Arni dar. Den Dalitfrauen diesen Beruf zu eröffnen, trägt somit bei, gegen die Kastenunterschiede anzukämpfen.

Die konkrete Ausführung

Innerhalb eines Jahres werden 30 Frauen ausgebildet, und zwar jeweils 15 Frauen in 6 Monaten. Die Frauen tragen selber einen Teil der Kosten für den Seidenwebstuhl, das Material und die Ausbildung und den anderen Teil erhalten sie als Leihgabe von WEL, die sie dann allerdings innerhalb von 10 Monaten zurückzahlen, damit mit dem Geld eine weitere Frau gefördert werden kann. 9.500 Rupien werden pro Frau benötigt, 4.500 Rupien trägt sie jeweils selbst, 5.000 Rupien erhält sie zunächst von WEL und zahlt diese später in Monatsraten von 500 Rupien zurück. Eine unerfahrene Seidenweberin verdient 2.000 Rupien im Monat, hat sie Erfahrung steigt ihr Gehalt auf 3.000 Rupien im Monat. Jede Seidenweberin benötigt eine Assistentin, die sie selbst ausbilden kann. Auf diese Weise entstehen wieder neue Berufschancen für weitere Dalitfrauen. Insgesamt werden um das Projekt starten zu können 191.900 Rupien, d.h. rund 10.000 DM benötigt. Action five leistet diese Anschubfinanzierung.

 

 Bei WEL arbeiten derzeit, neben Parimala Ruby als Leiterin, 11 Vollzeitkräfte und drei Teilzeitkräfte. Die Teilzeitkräfte betreuen Selbsthilfegruppen in abgelegenen Dörfern und kommen nur einmal pro Monat ins Büro. Dazu kommen 17 Mitarbeiter/innen, die für das staatlich finanzierte Behindertenprogramm sowohl im Day-Care-Center als auch in den Dörfern zuständig sind. Die meisten Mitarbeiterinnen sind noch ziemlich jung, zwischen 20 und 40 Jahre alt, doch eine arbeitet schon seit 10 Jahren bei WEL und zwei weitere Frauen sind auch schon seit mehr als fünf Jahren dabei. Sie sind alle sehr engagiert. Oft sind sie bis spät abends unterwegs, um Gruppen in den Dörfern zu besuchen und nicht selten müssen einige von ihnen sogar sonntags ins Büro kommen, weil wichtige Aufgaben oder eine Veranstaltung anstehen. Andererseits ist der Arbeitsalltag nicht so straff organisiert wie in Deutschland. Eine feste Zeitplanung ist unmöglich, da sich kaum jemand daran hält, und es gibt viele unfreiwillige Pausen zwischendurch, weil man beispielsweise auf jemanden warten muss. Neben den Mitarbeiterinnen sind auch die Tochter und der Ehemann von Ruby sehr stark in die Arbeit von WEL eingebunden. Tochter Anitha, eigentlich Grundschullehrerin, kümmert sich um die ganze e-mail Kommunikation. Dies ist sehr zeitaufwendig, da es im Büro keinen Internetanschluss gibt, und sie hilft insbesondere auch bei der Organisation des indo-schwedischen Jugendaustauschs. Rubys Ehemann unterstützt WEL bei der Organisation von größeren Veranstaltungen und kümmert sich als Mitglied des Lions-Clubs und als Kirchenvorstand um die nötigen Kontakte zu wichtigen Personen vor Ort.

 

Während meines Aufenthalts habe ich an den verschiedenen Aktivitäten als Beobachterin teilgenommen und diese dokumentiert. Dabei bin ich auch öfters zu den Gruppentreffen in der Stadt und den Dörfern mitgefahren. Dort wurde ich immer sehr herzlich empfangen. Leider war die Kommunikation aber sehr eingeschränkt, da fast keine der Frauen Englisch spricht. Da außer Ruby selber nur zwei der Mitarbeiterinnen gut Englisch können, konnte nur selten etwas für mich übersetzt werden. Daher habe ich vieles von dem, was Ruby und die Mitarbeiterinnen in den Treffen und Trainings vermittelten, nicht mitbekommen, was sehr schade war. Ich habe zwar versucht, etwas Tamil zu lernen, aber für ein Gespräch reichte das bei Weitem nicht aus.

 

 

Im September kamen zwei weitere Deutsche als Freiwillige ins Projekt. Da eine Mitarbeit bei den regulären Aktivitäten wegen der Sprachprobleme nicht möglich war, haben wir zusammen überlegt, wie wir uns sinnvoll einbringen können. Beispielsweise haben wir eine neue Informationsbroschüre über WEL auf Englisch und Deutsch entworfen. Außerdem haben wir einen „deutschen Kulturtag“ vorbereitet, wo wir mit kurzen Vorträgen, Liedern, Sketchen, einem selbstgebastelten Jahreskreis und Photocollagen versucht haben, den indischen Frauen das Alltagsleben in Deutschland und insbesondere die Situation von Frauen in Deutschland näher zu bringen. Dies haben wir dann vor etwa 100 Vertreterinnen von Selbsthilfegruppen präsentiert und auf Tamil übersetzen lassen. Die Frauen haben sehr interessiert zugehört und danach sogar noch einige interessante Rückfragen an uns gestellt. Bei einer zweiten Veranstaltung mit den WEL-Mitarbeiterinnen haben wir Deutsche auch noch verschiedene Kuchen gebacken, und die Mitarbeiterinnen haben im Gegenzug tamilische Tänze und kurze Theaterstücke, die soziale Missstände wie den Verstoß von Witwen thematisieren, aufgeführt. Am Ende wurde uns sogar noch ein tamilischer Tanz beigebracht.

 

Bei meinem Aufenthalt habe ich auch viel über den Alltag in einer südindischen Kleinstadt erfahren. Als quasi einzige Ausländer in Arni waren wir die große Attraktion für die einheimische Bevölkerung. Sehr oft wurde ich auf der Strasse oder im Geschäft angesprochen, und insbesondere die Kinder liefen mir entgegen, fragten nach meinem Namen und wollten meine Hand schütteln. Die Frauen aus den Selbsthilfegruppen freuten sich immer sehr, wenn ich ihre Gruppentreffen besuchte. Meistens wurde mir dann als Zeichen der Gastfreundschaft Tee oder Kaffee angeboten, und manchmal bekam ich auch Blumen ins Haar gesteckt. Auch die Mitarbeiterinnen waren sehr aufgeschlossen und interessiert, trotz der Sprachprobleme, und haben mich sogar zu sich nach Hause eingeladen.

 

Die meisten Inder leben als Großfamilie in sehr beengten Wohnverhältnissen, und in vielen Haushalten gibt es kein fließend Wasser. Als besonders anstrengend und unangenehm habe ich die chaotischen Verhältnisse auf den Straßen empfunden. Sie sind sehr staubig und dreckig und im Verhältnis zum Verkehr, der in den letzten Jahren sehr stark zugenommen hat, viel zu eng. Als Fußgänger ist man ständig in Gefahr, von den rücksichtslos fahrenden Bussen, Motorrädern und Autorikschas überfahren zu werden. Der Lärm auf den Hauptstrassen ist unerträglich, da statt bremsen nur ständig gehupt wird. Und da es in Arni keine vernünftige Kanalisation gibt, wird der Gang zum Busbahnhof oder Geschäft in der Regenzeit zum reinsten Hindernislaufen. Ein weiteres großes Problem ist die nur mangelhaft funktionierende Müllbeseitigung, die offenen Abwasserkanäle und die zahllosen streunenden Hunde, Ziegen, Schweine und Esel. Sie ernähren sich von den offen herumliegenden Abfällen, sind oft in einem erbärmlichen Gesundheitszustand und damit potentielle Krankheitsüberträger. Bei der Bevölkerung ist aber auch noch viel Aufklärungsarbeit nötig, um ein besseres Verständnis für Hygiene und die Sauberhaltung der Umwelt zu erreichen. Hier versucht WEL u.a. durch die Errichtung von Abfalleimern, einen ersten Schritt in diese Richtung zu unternehmen.